Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

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Raoul Wallenberg. Quelle: Wikipedia.

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

Raoul Wallenberg verschwindet am 17. Januar 1945 zunächst spurlos, nachdem er von zwei sowjetischen Offizieren in das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht unter Oberbefehl von Marschall der Sowjetunion Rodion Jakowlewitsch Malinowski gebracht worden war. Am 12. Januar war Wallenberg zuletzt in Budapest von drei Kollegen lebend gesehen worden, mit denen er zu Abend gegessen hatte. Erst 1993, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde bekannt, dass der Judenretter auf Befehl des sowjetischen Vize-Verteidigungsministers Bulganin hin verhaftet worden war. Soweit lassen sich die letzten Monate Raoul Wallenbergs halbwegs gesichert nachvollziehen. Doch was nach dem 17. Januar geschah, ist bis heute nicht geklärt. Fakt ist: Der im Alter von nur 32 Jahren verhaftete Diplomat bleibt verschwunden. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit starb er in sowjetischer Haft. Wallenbergs Fall zeigt in erschütternder Weise, welchen Stellenwert in Stalins Sowjetunion einerseits ein Menschenleben im Allgemeinen und andererseits ein jüdisches Menschenleben hatte. Dass der junge Schwede zahllosen Menschen das Leben gerettet hatte, spielte in Stalins Paranoia – er wähnte sich allseits von Feinden und Agenten umgeben – keinerlei Rolle.

1957 räumte die sowjetische Regierung unter Druck erstmals den Tod Wallenbergs ein. Demnach soll er am 17. Juli 1947 in sowjetischer Haft an einem Herzinfarkt verstorben sein, hieß es in der sogenannten Gromyko-Note. Eine Verantwortung an Wallenbergs Tod aber wies man damals wie auch im heutigen Russland zurück. Bis heute kämpfen Angehörige wie auch Vertreter Israels, das Wallenberg 1966 für seinen Einsatz um die Juden während des Holocaust zum „Gerechten unter den Völkern“ erklärte, um Einsicht in die Akten von NKWD und KGB zu diesem Fall – und darum, den Leichnam Raoul Wallenbergs endlich würdig beerdigen zu können. Lange Jahre an vorderster Front der Forschungsarbeit: Wallenbergs Halbbruder Guy van Dardel, der 2009 verstarb. Immer wieder wurde in den letzten Jahren deutlich, dass höchste russische Kreise wesentliche Informationen zum Fall zurückhalten, Archivmaterial unter Verschluss bleibt. Immer wieder aber kamen Fingerzeige dahingehend auch und gerade von russischer Seite.

Dass auch unter erschwerten Bedingungen und einer restriktiven Informationspolitik der Diktatur Wladimir Putins Forschung scheinbar möglich bleibt, zeigt der jüngste Fall einer russischen Ballerina, die bei der Renovierung einer Datscha das eingemauerte Tagebuch ihres verstorbenen Vaters – eines früheren KGB-Chefs – findet. Oder er soll es vielleicht vielmehr zeigen. Es handelt sich um die Notizen Iwan A. Serows, die den Focus dieser Tage titeln ließ: „Warum Stalin den Judenretter ermorden ließ“.

Nun scheint das Rätsel um den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg gelöst […] Trotz zahlreicher Recherchen internationaler Historiker, trotz Bemühungen der schwedischen Regierung und der Familie Wallenberg und trotz der politischen Öffnung in Moskau nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion gelang es nicht, sein Schicksal aufzuklären. Bis jetzt ein Zufall zu Hilfe kam. […]

heißt es in dem Text. Doch rechtfertigen die neuen Erkenntnisse wirklich solch ehrgeizige Schlüsse? Man darf das bezweifeln. Dazu gibt zumindest der Artikel viel zu wenig vom Inhalt der Aufzeichnungen preis. Anlass zur gesunden Distanz bietet schon der Umstand, dass Iwan Serow zwischen 1954 und 1958 KGB-Chef war. Hier wird deutlich, dass auch er nicht auf Informationen aus erster Hand zurückgreifen konnte. Auch geht aus dem Buch nicht hervor, dass Serow vor seiner Zeit als KGB-Chef jemals direkt in den Fall verwickelt gewesen war. Vielmehr beruft sich Serow auf vorgebliche Aussagen seines Amtsvorgängers Viktor Abakumow, der noch unter Stalin gedient hatte und 1954 wegen seiner Rolle in der Leningrader Affäre Ende der 40er-Jahre hingerichtet worden war. Jener soll ihm anvertraut haben, dass der Befehl zu Wallenbergs Ermordung direkt von Stalin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow gekommen sein soll.

Nun ist es keineswegs ausgeschlossen, ja gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Stalin Wallenbergs liquidieren ließ. Doch die Vorstellung, dass ausgerechnet Wjatscheslaw Molotow, der selbst mit einer Jüdin verheiratet war, einem Judenretter das Todesurteil ausgestellt haben soll, ist einigermaßen sperrig. Im Übrigen war es jener Viktor Abakumow, 1946 bis 1951 Minister für Staatssicherheit, der für seine antisemitischen Überzeugungen bekannt war, die auch Stalin nach 1945 zunehmend teilte, und der maßgeblich ab der Staatsgründung Israels im Mai 1948 den antisemitischen Terror gegen jüdische Intellektuelle in der Sowjetunion vorantrieb. Er sorgte auch für die Verhaftung und Verbannung von Molotows Frau Polina im selben Jahr – weil sie Beziehungen zu Israels Botschfterin in Moskau, Golda Meir, unterhielt. Molotow selbst wurde 1949 aus dem Amt des Außenministers entlassen, da sich sein Verhältnis zu Stalin auch aufgrund von Abakumows Einfluss abzukühlen begonnen hatte. Erst nach Stalins Tod kehrte er für drei Jahre wieder in dieses Amt zurück.

Nach Jahrzehnten des Schweigens die Wahrheit einfach so veröffentlicht?

Iwan Serow, der Nachfolger Abakumows, will das „Geheimnis“ um Wallenbergs Schicksal von jenem erfahren haben, währen er ihn höchstpersönlich verhört hatte. Doch wie Verhöre in der berühmt-berüchtigten Lubyanka, dem Moskauer KGB-Gefängnis, meist abliefen, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Stutzig macht aber – und hier hätte der Autor des Focus-Textes unbedingt auch stutzig werden müssen -,  dass ein russischer Verlag die vermeintliche Wahrheit in Gestalt der Aufzeichnungen Serows nun so ohne Weiteres herausgeben durfte – meiner Ansicht nach das schwerwiegendste Indiz dafür, dass Serows Version nicht die tatsächlichen Hintergründe widerspiegeln kann. Jahrzehntelang bemüht sich die sowjetische und danach auch die russische Regierung darum, die wahren Umstände von Wallenbergs Tod geheim zu halten – und auf einmal soll eine Ex-Ballerina die ganze Wahrheit mirnichtsdirnichts herausposaunen und damit auch noch Geld verdienen dürfen? Ich halte diese These für ausgesprochen schwammig. Schwammig genug, dass man nicht von einem „gelösten Fall“ sprechen sollte.

Nimmt man den extremsten möglichen Fall an, handelt es sich bei der Veröffentlichung der Aufzeichnungen Serows möglicherweise sogar um eine gezielt von der Putin-Regierung lancierte Aktion zur Irreführung bzw. zur Schwächung der seriösen Forschung kurz vor dem 70. Jahrestag des Todes von Raoul Wallenberg handeln. Zuzutrauen wäre es dem ausgebufften Ex-Geheimdienstler Wladimir Putin, der gerade im Zuge des Krieges in der Ukraine mehr als einmal unter Beweis gestellt hat, dass er das Handwerk politischer Desinformation hervorragend beherrscht.

Jedenfalls sollte man sich im Wallenberg-Fall keinen Illusionen hingeben. Wenn selbst der Autor der betreffenden Passagen sich veranlasst sieht, über mögliche Zweifel an den von Abakumow an ihn angeblich herangetragenen Informationen zu philosophieren (Zitat: „Ich habe keine Zweifel, dass Wallenberg 1947 liquidiert wurde“.), dann sollte genau das auch der Maßstab für uns im Umgang mit diesen neuen Erkenntnissen sein. Ein unumstößlicher Nachweis hörte sich anders an.

Zur Sprache der Beiträge.

Aus aktuellem Anlass möchte ich darauf hinweisen, dass in diesem Blog lediglich Einträge in deutscher oder englischer Sprache veröffentlicht werden. Das geschieht zum einen, um Beiträge vor Veröffentlichung zureichend auf schädliche oder werbliche (Spam) Inhalte überprüfen zu können und zum anderen im Interesse der Verständlichkeit für andere Nutzer. Da die meisten Besucher dieser Seite aus dem deutschsprachigen Raum kommen, wird die „Amtssprache“ der Kurilka entsprechend Deutsch sein. Englische Beiträge werden ebenso akzeptiert, da vorausgesetzt wird, dass die englische Sprache in vielen Ländern dieser Welt verstanden und auch zumindest ansatzweise gesprochen wird.
Danke für euer Verständnis.

Schlag ins Wasser.

Quelle: YouTube, Jibi / Kritik-Satire

Update:
Das ging flott: „anonymous“ ist  erwartungsgemäß wieder am Start – allerdings nicht mehr auf Facebook, sondern auf dem russischsprachigen Zwilling „vkontakte“. Logisch: Wo geht man hin, wenn man mit seiner Hetze im eigenen Land nicht mehr willkommen ist? Richtig! Nach Russland. Dort ist man ein straffes Regiment gegen Minderheiten  und das Recht des Stärkeren gewohnt – und letztlich findet man dort auch viele Freunde im Geiste, wenn’s gegen Deutschland, den Westen, Toleranz und vorwärtsgewandte Gesellschaftsmodelle geht.
Und weil das noch nicht genug ist, überschwemmen die Rassisten um Mario R. aus Erfurt Deutschland nun gleich über ein eigenes „Nachrichtenportal“ mit ihrem verbalen Giftmüll. Journalistisch absolut unterirdisch, jedes zweite Wort irgendeine zur Lüge aufgeblasene Halbwahrheit, Dämonisierung oder Verzerrung. Mit Pseudo-Artikeln zu vorgeblich harmlosen Themen wie Gesundheit, um den Eindruck eines breiten Themenspektrums zu erwecken, wie es sich ja für ein seriöses Nachrichtenportal gehörte. Doch schon zwei Klicks weiter wird klar: Alles nur Mache. So sind die beiden bislang veröffentlichten Gesundheitsartikel völlig wahllos platziert und – das Beste – einfach aus der Wikipedia abgeschrieben, die Fotos aus dem Internet geklaut. Bloß keine Recherche! Wer sich SO WAS freiwillig antut, der hat es auch nicht besser verdient.

Dass hier zudem eine enge Kooperation mit russischen Partnern besteht, zeigen nicht zuletzt die Werbebanner auf der Seite, die auf russische Seiten verlinken, auf denen unter anderem Schusswaffen angeboten werden – zur „Selbstverteidigung“, versteht sich. Inhaltliche Beiträge werden vorrangig von RT Deutsch, dem russischen Propagandasprachrohr in Deutschland, übernommen. Unterm Strich kommt man mal wieder zu dem Schluss: Russland unterstützt massiv Spaltungsaktivitäten in Deutschland, mit Geld, Ressourcen und Propagandamaterial.

Insgesamt wundert es mich, dass hier keiner rechtliche Schritte ergreift. Angriffspunkte gäbe es zur Genüge – vom Urheberrechtsmissbrauch bis hin zu Volksverhetzung und Anstiftung zu Straftaten.

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Originalbeitrag:

Mit „Anonymous“ ist eine der schlimmsten Hetzseiten auf Facebook seit Samstag tot. Das meldet heute zumindest die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Auf Facebook ist die Seite auch heute noch nicht wieder abrufbar. Doch was ist das Kaltstellen dieser Seite wirklich wert?
Meiner Ansicht nach ist es gut, dass sie weg ist. Aber man sollte nicht dem Glauben verfallen, dass hier ein echter Schlag gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus gelungen wäre. Auf diese Idee mag man fast kommen, glaubt man etwa dem Magazin „Focus“, das „Anonymous“ gar als „Deutschlands größte Hetzseite“ förmlich adelte. Ja, „Anonymous“ – übrigens nicht zu verwechseln mit der weltweit organisierten gleichnamigen Hacker-Bewegung , deren Identität hier offenbar rechtsextreme Elemente für ihre Zwecke kaperten – hatte über zwei Millionen Fans. Doch bei Weitem nicht alle kamen aus Deutschland, zigtausende allein aus der Schweiz. Und nur allzu oft steckten dahinter auch Betreiber anderer Hetzseiten, die so teilweise mit mehreren Accounts und Identitäten am Start waren. Wie clevere Rechercheure zudem schon vor Langem aufdeckten, sind die meisten Likes zudem offenbar gekauft – von Mario R. aus Erfurt, dem letzten Admin der Seite. Sein IT-Unternehmen verdient nämlich unter anderem auch damit sein Geld.

Die Fakeseite „Anonymous/Kollektiv“ als „Deutschlands größte Hetzseite“ zu bezeichnen, halte ich vor diesem Hintergrund für gewagt. Zumal es suggeriert, dass mit ihrer Abschaltung ein gewaltiger Schlag gegen deutschsprachige menschenfeindliche Hetze im Internet gelungen sein muss. Sicher hat hier offenbar die Bundesregierung hart mit Facebook gerungen, damit dieses digitale Armutszeugnis für unser Land endlich verschwindet. Doch an anderer, viel gefährlicherer Stelle schaut man weiter tapfer weg. Die definitiv größte Gefahr in Sachen Hetze und Herausbildung rechtsradikaler Internet-Subkulturen stellt nämlich nicht eine Facebook-Seite dar, die die meisten ihrer Likes sehr wahrscheinlich aus der Retorte hat. Die eigentliche Wiege dieser Hetze steht ganz woanders – und das bis heute.

Politically Incorrect – rund 250000 Zugriffe pro Tag

Bereits seit 2004 wurde auf dem von Stefan Herre gegründeten Hetzportal „Politically Incorrect“ der Nährboden bereitet, auf dem sich diese neue Form von Menschenfeindlichkeit und Rassismus kultivieren konnte, die heute in Form von AfD und Pegida in voller Blüte steht. Gehetzt wird dort bis heute – und das mit Hunderttausenden Abrufen pro Tag. Laut Alexa-Internet-Dienst waren es 2011 bis zu 60.000, PI damit eine der 1000 meistgelesensten deutschen Internetseiten. Pegida und die damit einhergehende zunehmende Etablierung rassistischer Grundüberzeugung in unserer Gesellschaft wirkten wie ein Lebenselixier für die Statistik des Hetzblogs. Im April 2016 rühmte sich PI denn auch bereits mit rund 100.000 Besuchern und knapp 250.000  Seitenaufrufen pro Tag.

Aus PI formierten sich die sogenannten „Pro“-Bewegungen, die schließlich sogar in die Gründung der rechtsextremen und islamfeindlichen Partei „Pro Deutschland“ mündeten. PI wurde zur Plattform für Hassprediger wie Udo Ulfkotte, Akif Pirinci und andere, die Islamfeindlichkeit und Ausländerhass zum gesellschaftlichen Trend machten. Die Seite wurde zum öffentlichen und quasi-legalen Sammelbecken für all jene, die ihre fragwürdigen Ansichten bis dato im Verborgenen gepflegt hatten. Viele Jahre lang ließen Bundesregierung und Verfassungsschutz die Macher der Seite gewähren – obgleich für jeden ersichtlich war, welch geistiges Brandstiftertum sich da auf den Weg machte und wohin dies langsam aber sicher führte. Irgendwann schaute der Verfassungsschutz dann doch mal genauer hin, was zur Folge hatte, dass die Seite auf ausländische Server umzog. Aber es ist ja nicht so, dass man dagegen nun völlig machtlos wäre, das hat letztlich ja auch der Druck der Bundesregierung auf Facebook gezeigt.

Damit dürfte klar sein: Das Abschalten einer einzigen Seite, die ich persönlich im Gesamtkontext eher als kleinen Fisch einstufen würde, dürfte wirkungslos sein im Kampf gegen die Verbreitung solch gefährlicher Gesinnungen über das Internet. Der Zeitpunkt, wirksam gegenzusteuern, wurde verschlafen. Und im Grunde schläft man noch immer. Noch immer wird nichts unternommen, den Aufbau extremistisch-revolutionärer Strömungen über das Internet zu unterbinden oder aber zumindest zu erschweren. Wo wir wieder bei der Forderung nach einem eigenen Ministerium für Internetfragen wären, die ich hier schon vor Jahren aufgeworfen hatte. Die Gefahr, die vom Internet für die bestehende Ordnung ausgeht, ist den Damen und Herren in Bundestag und Regierung aber offenbar immer noch nicht aufgegangen. Selbst der Fall Anders Brejvik hat die Augen nicht öffnen können. Und die Medien thematisieren diese Gefahr nicht, was eigentlich fast das schlimmere Übel ist, denn sie sollen ja gerade das lebendige Korrektiv sein und damit Einfluss nehmen, statt unter Einfluss zu stehen.

Ein Abschied.

Abschiedsstimmung. Nach zuletzt ununterbrochen elf und insgesamt fast 25 Jahren und damit zwei Dritteln meines Lebens, die ich hier in der Dresdner Neustadt gelebt habe, kehre ich meinem Viertel den Rücken. Es erfüllt mich nicht mit Wehmut oder Trennungsschmerz. Diese Phase ist überwunden. Ich ziehe weg – der Entschluss steht fest. Die Wohnungssuche läuft schon eine Weile. Die neue Bleibe soll nicht nur ein windiger Kompromiss sein. Doch wie lange es auch noch dauern mag: Meine Tage als Neustädter sind sicher gezählt.
Der physische Abschied in Form des Wegzuges ist reine Formsache. Es war der innere Abschied, der lange dauerte und sich als äußerst schmerzhafter Prozess erwies. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren schon schrieb ich, damals noch im ArtUndWiese-Blog, über das Viertel, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin:

Das Leben ist hektisch geworden, hektisch, anonym, eng und wenig gemeinschaftlich – zumindest, wenn man unter „gemeinschaftlich“ etwas anderes versteht, als sich allabendlich mit seinen Saufkumpanen an der „Assi-Ecke“ Louise/Rothi/Görli zu treffen, den ganzen Weg zu blockieren und das Gedrängel zu nutzen, um Mädels anzumachen, die einfach nur an diesem Nadelöhr vorbeiwollen.

Fünf Jahre später hat sich vieles gehalten, einiges ist anders, aber keinesfalls besser. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat die Äußere Neustadt ihre Entwicklung hin zum übervölkerten, durchgehend versiegelten Wohngetto mit höchstem Lärm-, Schmutz- und Stressfaktor beinahe vollendet. Auf der Kamenzer und der Förstereistraße werden gerade zwei der letzten noch nicht mit Neubauten vollgestopften Brachen zugebaut. Auf der Förstereistraße ist der neue Glas-/Betonpalast mit exklusiven (und vor allem teuren) Luxuswohnungen fast fertig. Monatelang hat die Baustelle den Verkehr behindert und ohnehin knappe Parkplätze gefressen. Vor ein paar Wochen ging es an der Kamenzer kurz vor der Ecke Louisenstraße los, und auch in der Louisenstaße muss gegenüber der Feuerwache eine letzte Brache weichen. Der neue „Campus“ vor der Scheune ist so furchtbar hässlich und steril, dass es einem fast das Herz rausreißt.

Beinahe unerträglich auch die Entwicklung oberhalb des Alaunplatzes, entlang der Tannen- und Hans-Oster-Straße, der sogenannten „Oberen Neustadt“. Was hier seit 2010 geschieht, grenzt an ein städtebauliches Verbrechen und eine optische Vergewaltigung. Binnen sechs Jahren ist ein tristes, gleichförmiges, plump und absolut unästhetisch wirkendes Beton-Getto entstanden, bei dessen Anblick einem das pure Grauen kommt. Jedweder Individualismus und Anspruch an möglichst „artgerechtes“ städtisches Wohnen wurde hier zugunsten der gewinnversprechenden Schaffung möglichst zahlreichen neuen Wohnraumes über Bord geworfen. Wann immer ich hier langgehe, wünsche ich mir fast schon die Russenkasernen zurück, die hier einst standen. Selbst da gab es noch mehr Grün und noch mehr Ursprünglichkeit an diesem Ort. Ich kann nicht verstehen, dass Menschen allen Ernstes Hunderttausende von Euro auszugeben bereit sind, um am Ende in solch einem sterilen und ausgesprochen anonymen Silo zu wohnen. Und ein Ende dieser Verschandelung und schrittweisen Versiegelung meiner Neustadt in diesem ökologisch sensiblen Gebiet am Übergang zur Dresdner Heide ist längst nicht in Sicht: Der 3. Bauabschnitt läuft, und die Betonfront zwischen Alaunplatz und Heide wächst. Und doch ist dieses gigantische für die Gesamtentwicklung der Äußeren Neustadt symptomatische Projekt irgendwie schon fast wieder konsequent.

Warum Wohnraum hier immer noch so gefragt ist, erschließt sich mir nicht. Die Neustadt ist laut, dreckig, teuer, dennoch übervölkert und dadurch mittlerweile kaum noch grün oder gar idyllisch. Trotzdem scheint es irgendwie „hip“, hier zu wohnen. Seinen Latte Macchiato im Staub am Straßenrand inmitten von Trauben von Fußgängern und Radfahrern zu trinken, morgens durch vollgepullerte Hauseingänge zu laufen und vor der Haustür in Hundehaufen und Dönerleichen zu treten. Offenbar verströmt die Aussicht darauf, nachts vor lauter Krawall in den kneipengesäumten Straßen und Biergärten nicht schlafen zu können oder abends ab 7 wegen all der Essens- und Partygäste trotz Anwohnerausweises zwischen Bautzner, Königsbrücker, Prießnitz und Bischofsweg keinen Parkplatz mehr zu finden, für viele doch einen besonderen Reiz. Die Nachfrage ist so groß, dass selbst alte abgewohnte Buden ohne jeden Reiz für 9 Euro kalt pro Quadratmeter weggehen.

Mich als „Alteingesessene“, die die Flucht aus diesem Viertel während der 80er-Jahre und die damit einhergehende Entvölkerung miterlebte, hat diese Entwicklung mehr und mehr entfremdet. Ich sage es ganz ehrlich: Hier zu wohnen ist zur Qual geworden. Selbst jetzt, an einem Samstagmittag, herrscht draußen trotz Lage im Hinterhaus keine Ruhe. Auf dem Spielplatz zwei Häuser weiter kreischen die Kinder (und das sollen sie auch dürfen), unter dem Balkon bläst und rotiert geräuschvoll die vor ein paar Jahren aufgemotzte Klimaanlage des Restaurants im Vorderhaus nebenan. Irgendwo saugt jemand. Wenn der fertig ist, wird irgendein anderer im Block laut Musik anstellen, Löcher in Wände bohren, öffentlich schief singen und Gitarre spielen oder sich angeregt unterhalten. Niemals ist man hier für sich. Beim Frühstück auf dem Balkon hat man das Gefühl, von Dutzenden Augenpaaren hinter Gardinen und Jalousien im Vorderhaus beobachtet zu werden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die schmucklose Rückfront des Vorderhauses, keine 20 Meter entfernt. Und doch könnte man hier, am „Assi-Eck“, im Vorderhaus gar nicht wohnen.

Ehe hier der Eindruck entsteht, ich sei ein eigenbrötlerischer Soziopath – ich mag das quirlige leben in der Neustadt durchaus, sonst hätte ich nicht so lange hier gewohnt. Auch ich gehe gerne mal in die Kneipe, setze mich in den Biergarten oder mit Freunden in den Hof zum Grillen. Ich mag auch das vielfältige kulturelle Angebot hier. Aber ich möchte selbst entscheiden können, WANN ich das tue oder nutze. Wenn man in der Neustadt wohnt, hat man aber allzu oft gar keine Wahl. Wenn draußen, in der Disco oder in der WG nebenan gefeiert wird, dann muss man eben mitfeiern oder man sitzt schlaflos auf der Bettkante und beißt sich in die Faust. Friss oder stirb. Und Leute, die gern die Sau rauslassen, trifft man nun mal in der Neustadt überdurchschnittlich häufig an. Leute, die nicht hier mittendrin wohnen, sondern nur gerne nach Feierabend zum Chillen oder am Wochenende zum Ausgehen hierherkommen, können solch eine Denkweise oft nicht nachvollziehen. Ist doch alles super toll in der Neuse, die Biergärten und die Innenhöfe sind doch schön grün, und dann noch der Alaunplatz… und überhaupt, ist die Neustadt doch nun mal ein Partyviertel.

Fast 300 Jahre lang war die Äußere Neustadt ein reines Arbeiterwohnviertel. zum Vergnügungsviertel mutierte es dagegen erst in den letzten 15 bis 20 Jahren und das unter zunehmender Ausgrenzung der nach wie vor hier wohnhaften Bevölkerung. Nicht mehr sie bestimmt das sich ansiedelnde Gewerbe, sondern umgekehrt. Das Gewerbe entscheidet über das Klientel, das hierherkommt und auch -zieht. In den letzten sechs, sieben Jahren habe ich dreimal gegen permanente nächtliche Ruhestörung in bzw. im direkten Umfeld meines Wohnhauses ankämpfen müssen. Immer ging das Ganze von jemand anderem aus. Einmal war’s die Disco, die ohne Genehmigung einen überirdischen Dancefloor eingebaut hatte, der dreimal wöchentlich nachts die Wände wackeln ließ. Ein andermal der Typ über mir, der jede Nacht bei voller Lautstärke Egoshooter zockte. Nun sind es die Mieter unter mir, die nachts von Arbeit heimkommen und Remmidemmi machen. Irgendwann hat man’s einfach nur noch satt.

Leben in der Neustadt heißt heute eigentlich leben im permanenten Ausnahmezustand. Allgemein anerkannte Regeln sind hier allzu oft nichts wert. Wer meckert, hupt oder nachts schlafen will, ist ein Spießer und gehört nicht dazu. Wer Anwohner-Parkzonen fordert, hat ruckzuck die Gastronomen zum Feind. Aber wehe, man wagt es, sich zur BRN an den falschen Biertisch vor dem falschen Lokal zu setzen – da wird dann vehement auf das Einhalten von Regeln gepocht. Die Neustadt ist für mich zum Inbegriff eines verlogenen und fast schon künstlich kultivierten Lifestyles geworden: Mit der vermeintlichen kulturellen Vielfalt und Offenheit macht man glänzende Profite, aber im Grunde halten viele hier von alledem eigentlich gar nichts, sobald es über die eigene Freiheit hinausgeht. Ich werfe gewiss nicht alle in einen Topf. Das wäre vermessen und ungerecht. Es gibt sie, die Kümmerer, die Aktiven und Kreativen, die dazu beitragen, dass dieses Viertel zumindest streckenweise seinen Charme behält. Aber sie treten zurück hinter die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren hier gemacht habe. Freunde und Bekannte, die früher hier wohnten, sind längst weggezogen. Sicher auch, weil man einfach älter wird und insbesondere die Toleranzschwelle bezüglich Lärm, Dreck und ungehobeltem Benehmen sinkt.

Nun folge ich diesem Beispiel. Der bloße Gedanke daran, künftig in einem Haus am Stadtrand, mit gewachsener Mieterstruktur und geringer Fluktuation, guter Luft, viel Grün ringsherum und ohne Disco und Biergärten direkt nebenan zu wohnen, lässt mich aufatmen.
Wegziehen heißt ja nicht nicht wiederkommen. Ich werde gern ab und zu zurückkehren – wenn mir nach Feiern, Trubel, Alternativem und Verrücktem ist. In der Neustadt stand meine Wiege, hier wird immer meine Heimat sein. Aber wenn die Heimat beginnt, einem nicht mehr gutzutun, einen auffrisst, dann sollte man auf gesunde Distanz gehen.

Blumen für einen Fremden.

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Für Karl vom Wege. Meinen Großvater, der am morgigen 15. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

Gekannt habe ich dich nur aus den Geschichten, die mir meine Mutter erzählte. Groß, stattlich, streng, aber liebevoll sollst du gewesen sein. Ganz so, wie man sich seinen Opa wünscht. Ich hatte nie einen. Wärest du mir einer gewesen? Kennenlernen durfte ich dich nicht. Zehn Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, verließest du sie schon wieder, mit gerade mal 53. Schmerzliche Lücken hast du hinterlassen, Narben. Bis heute. Dein furchtbarer Tod ist für mich bis heute ein ebensolches Mysterium wie deine Persönlichkeit. Ähnlich soll ich dir sein, sagt man. Weniger äußerlich, mehr innerlich. Und doch weiß ich nicht, ob mich das freuen soll. Wer warst du? Der Polizist? Der Parteigänger, der es bis in höchste politische Kreise des SED-Regimes schaffte? Oder doch der Idealist, der Träumer, der Visionär, der irgendwann erkannte, in welche finsteren Abgründe der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit im realen Sozialismus abgeglitten war?
Eines Tages werde ich die Wahrheit kennen. Wenn auch noch so viele Spuren verwischt sind.
Flieder, heißt es, waren deine Lieblingsblumen. Immer an deinem Geburtstag begann er zu blühen. Es ist ein gutes Jahr. Seit Langem eines, in dem der Flieder an deinem Geburtstag nicht fast schon wieder verblüht ist. Die Welt hat sich weitergedreht.

Böhmermann vs. Blödmann oder die Sache mit dem Schmähgedicht

Was darf Satire? Nicht wenige würden hier wie aus der Pistole geschossen mit „alles“ antworten. Warum eigentlich? Ganz einfach: Es passt, es klingt so herrlich rebellisch, man braucht nicht weiter nachzudenken. Der Fall Jan Böhmermann, der mit seinem „Schmähgedicht“ den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan satirisch abstrafen wollte, hat die Frage danach, wo Satire beginnt und wo sie endet, erneut aufgeworfen. Jeder Versuch einer Antwort oder Klärung muss sich aber zunächst mal der Frage widmen, was unter Satire eigentlich ursprünglich verstanden wurde und bis heute gemeinhin zu verstehen ist.

Der Journalist Ralf Heimann hat sich mit dieser Frage für das Journalisten-Portal newsroom.de befasst. Satire, so Heimann, müsse vor allem eines: treffen. Tatsächlich? Nun, getroffen hat Böhmermann den türkischen Präsidenten ohne Frage. Doch ist das wirklich der einzige oder auch nur der hauptsächliche (wie Heimann meint) Sinn und Zweck von Satire? Ich würde dem nicht zustimmen wollen, und sogar noch weiter gehen: Diese These ist in ihrer Banalität unhaltbar.

Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so wenig Bosheit, und so vieler Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft.

Das sagte vor rund 250 Jahren der bekannte deutsche Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg über das Wesen der Satire. Und genau das macht den Unterschied zwischen Satire und plumper Beleidigung: Sie trifft, ja! Aber sie trifft – wenn sie gut gemacht ist – nicht die persönliche Ehre eines Menschen, sondern seine tatsächlichen Defizite innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Funktion, die er ausübt. Denn Zweck der Satire ist es eben nicht einfach nur, zu treffen. Das würde auch mit einer einfachen Beleidigung oder Verleumdung erreicht. Satire muss von Letzterer klar abzugrenzen sein und ist es auch. Satire hat stets auch den edlen Anspruch,  unschöne Wahrheiten aufzeigen, thematisieren, anprangern und dadurch bessern zu wollen. So gesehen hat Satire immer auch einen pädagogischen Auftrag. Kurt Tucholsky hat das einst sehr gut auf den Punkt gebracht:

Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Recht hat er. Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht klar zu tief geschossen. Man muss kein erklärter Erdogan-Fan sein, um das festzustellen. Dazu muss man sich selbst einfach nur an die Stelle Erdogans denken und überlegen, wie man selbst reagieren würde, wenn so etwas zur besten Sendezeit im TV über einen gesagt würde. Satire ist das nicht, stattdessen müssen dem Moderator schlicht und ergreifend im allgemeinen Hype um Erdogans Versuche, die deutsche Pressefreiheit zu untergraben, sämtliche Gäule durchgegangen sein. Einem Dritten in aller Öffentlichkeit „Schrumpelklöten“, die „schlimm nach Döner“ stänken, und einen „Kopf so leer wie seine Eier“ attestieren – lieber Böhmermann, das darf in Deutschland auch ein Journalist nicht einfach so, auch nicht nur mal bloß so zum Spaß. Und ich wüsste nicht, seit wann solche – noch nicht mal künstlerisch irgendwie originellen oder wertvollen – Entgleisungen von der Pressefreiheit gedeckt wären. Wenn ich den Bürgermeister von xyz in einem Artikel so karikieren würde, weil er meiner Ansicht nach die örtliche Presse nicht gebührend respektiert, könnte ich das dreimal als Satire kennzeichnen – ich hätte eine dicke Anzeige am Hintern kleben und wäre vermutlich auch meinen Job los. Und das zu Recht. Satire darf eben nicht alles. Das heißt: Mancher mag diese Auffassung vertreten und darf natürlich auch danach handeln – er muss aber auch die Konsequenzen tragen können. Schon unser Grundgesetz stellt der Freiheit von Presse und Kunst die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen als gleichrangig anbei. So wie Satiriker nach Herzenslust Satire be- und übertreiben können, darf das Opfer dieser Schmähungen nach Herzenslust klagen, sobald es sich als Person verunglimpft sieht. Daraus ergibt sich in logischer Konsequenz, dass auch die Pressefreiheit ihre Grenzen hat – nämlich dort, wo meine satirischen Verrenkungen einen Dritten auf eine Weise treffen, die weder einen Sinn hat noch wahre Tatsachen oder Missstände anspricht, sondern schlicht und ergreifend eigene Eitelkeiten bedienen soll – und dabei in all ihrer Unappetitlichkeit Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung des Urhebers erkennen lässt. Mich auf einen Marktplatz zu stellen und irgendeinem Politiker (den ich übrigens durchaus aus vielen ehrbaren und nachvollziehbaren Gründen verachten kann) zu attestieren, er sei wegen diesem oder jenem ein Arschloch mit stinkenden Klöten und hohler Birne, macht mich nicht zum Satiriker. Das Geheimnis gelungener Satire liegt vielmehr darin, einen Weg jenseits der Rechtswidrigkeit zu finden, um Spott und Hohn über den Umweg der Karikatur über dem auszuschütten, der sie verdient.

Um das noch mal klar zu sagen: Ich habe den extra-3-Clip über Erdogan genossen, denn ER ist unzweifelhaft Satire. Er spricht reale Missstände des Regimes Erdogan an, überspitzt, polemisiert, pointiert. Herrlich! Nichts hat ein selbstherrlicher Sonnenkönig wie Erdogan mehr verdient. Doch was Böhmermann geliefert hat – das ist einfach nur sehr sehr dumm gewesen. Denn sein „Gedicht“ verrät mehr über ihn selbst als über den, den es adressieren sollte.

Nichtsdestoweniger hat mich die lasche Positionierung von Kanzlerin Angela Merkel in der Kontroverse um die Pressefreiheit enttäuscht. Nach meinem Ermessen hätte es hier eine klare Ansage gebraucht:

1. Satire wie der Exra-3-Clip sind klar von der Pressefreiheit gedeckt, die in Deutschland unanfechtbare Rechtsgrundlage ist.

2. Persönlich herabwürdigende Entgleisungen auf Pennälerniveau wie die von Jan Böhmermann fallen nicht unter die Presse- oder künstlerische Freiheit.

3. Ein Staatschef eines fremden Landes hat der deutschen Kanzlerin nicht vorzuschreiben, wie sie auf solch einen Vorfall zu reagieren hat, und schon gar nicht auf  einer bestimmten Bestrafung oder Konsequenz zu bestehen. Erdogan wollte diese Angelegenheit, die eigentlich nur ihn und die jeweiligen Journalisten betraf, zu einer politischen Sache machen und damit Druck ausüben. Und hier hätte die Kanzlerin unmissverständlich klar machen müssen, dass sie sich Derartiges verbittet.

 

 

Paris, Garissa, Ankara, Brüssel. Vom Krieg, der nicht zu gewinnen ist.

Es ist wohl eines der schlimmsten Bilder, zu denen man an seinem Geburtstag erwachen kann: Dutzende Tote, zerfetzt von heimtückisch gelegten Bomben, begraben unter eingestürzten Decken und pulverisierten Zügen. Die Opfer wurden zufällig zu solchen, die Täter nicht. Die Täter wurden über Jahrzehnte aufgebaut – durch verfehlte Entwicklungspolitik in Staaten der Dritten Welt, durch eine maximal kontraproduktive oder ganz fehlende Integrationspolitik in Europa. Ausgrenzung und Gettoisierung waren und sind stattdessen an der Tagesordnung. Und so machen Menschen, deren Eltern einst nach Europa kamen – häufig auf der Flucht vor den Folgen kolonialer Auswüchse,etwa im Maghreb oder Palästina, oder aber vor den Folgen der zahlreichen Kriege, die die westliche Welt insbesondere im Nahen und Mittleren Osten ausfocht oder interessensgebunden unterstützte – die Erfahrung, dass man sie nicht will, sie nicht braucht, sie gar offen verachtet in jenem Teil der Welt, der ihnen die Heimat einst nahm. Der Westen führt Krieg im Irak, Krieg in Afghanistan. Er führte Krieg in Somalia und unterstützte aktiv den arabischen Frühling. Er liefert Waffen in Kriegs- und Krisengebiete, um gezielt eine Kriegspartei zu unterstützen, die den eigenen Zielen zuarbeitet. Beispiele: Israel, Syrien. Täglich sterben dadurch unzählige Menschen. Andere leben dauerhaft im Elend, in zerbombten Vierteln, im Untergrund. Wenn sie es trotz maximal restriktiver Asylbestimmungen bis in die EU schaffen, treffen sie auf Ablehnung, auf Protest, auf neue Gewalt. Selbst wenn sie bleiben dürfen, kommen sie nicht an in der westlichen Gesellschaft. Schon ihr Glaube, ihr Anderssein und Andersdenken reicht häufig aus, um ausgegrenzt und gar angefeindet zu werden.

Wenn dann in Europa irgendwo eine Bombe explodiert, ist das Entsetzen groß. Explodierende Bomben und dadurch getötete Menschen sind hier – anders als anderswo – noch immer ein katastrophales Ereignis besonderen Ausmaßes von Seltenheitswert. Doch aus der Sicht nicht unmittelbar Betroffener fast noch schwerer zu ertragen als die furchtbaren Attentate selbst sind mit schöner Regelmäßigkeit die offiziellen Reaktionen darauf: Gebetsmühlenartige Betroffenheits- und Beileidsbekundungen in Textbausteinform von Politikern rund um den Globus. „Entsetzen“, „abscheuliche Tat“, „brutal“ sind vielgehörte Kommentare dieser Tage. Als wüsste das nicht jeder selbst, der das Herz noch am rechten Flecke hat. Nach den Gründen und Zusammenhängen fragt dagegen niemand. Dabei liegt in ihnen der Schlüssel zur nachhaltigen Eindämmung des islamistischen Terrors in Europa und im Rest der Welt. Stattdessen Frankreichs Präsident Francois Hollande unter dem Eindruck von Brüssel: „Der Krieg gegen den Terror muss in ganz Europa mit aller Härte geführt werden.“

Entweder ist Hollande wirklich so naiv oder man müsste ihm Kalkül unterstellen: Der „Krieg gegen den Terror“ ist hausgemacht, denn er wird von denen geführt, die ihn erschufen. Es klänge ziemlich takt- und gefühllos, einfach zu sagen: Europa bekommt, was es verdient. Und in all seiner Pauschalität wäre das so auch nicht richtig. Aber es war und ist ein ehernes Gesetz, dass die Menschen früher oder später das einholen wird, was sie über längere Zeit in die Welt hinaussenden.
Der Terror ist das Resultat einer über Jahrzehnte verfehlten Innen- und Außenpolitik, das letztlich durch die Jahr um Jahr zunehmenden Waffenexporte in Krisengebiete und den Siegeszug des digitalen Zeitalters möglich wurde. Und bekämpfen will Hollande ihn mit Waffen, statt mit Weisheit und Vernunft. Waffen gegen Hass und im Untergrund schwelenden Radikalismus. So viel fatale Fehlleitung wäre zu verkraften, wenn es sich nur um Hollande handeln würde. Doch in diesem Punkt steht der Westen fest an seiner Seite. Auch Deutschland. Und so sind die Reaktionen auf den neuerlichen Anschlag insofern katastrophal, als sie das feste und feierliche Versprechen des nächsten Blutbades auf europäischem Boden bereits in sich tragen.

Das Signal, das die Politik damit an die Terroristen und auch an die Menschen in Europa aussendet, ist erschreckend. Denn es sagt: Wir haben keinen vernünftigen Plan, wie wir den zunehmend auf europäischen Boden übergreifenden Krieg der Kulturen stoppen können. Denn alles, wozu wir in der Lage sind, ist Krieg zu führen und/oder zu fördern. Als der große Krieg um die politische Hoheit zwischen Ost und West zu Ende war, musste es neue Schauplätze für die Kriegstreiberei der Großmächte geben, denn wozu brauchte es sonst Rüstungsbetriebe und Militär? Und so kam es zum Kampf der Kulturen, denn irgendeinen Feind braucht es immer. Was wir in Paris und Brüssel erlebten, sind die direkten Konsequenzen dieser Politik. Doch wenn man die Politik im unmittelbaren Nachklang solcher Attacken erlebt, stellt man mit Entsetzen fest: Solcherlei Folgen werden offenbar in keinster Weise erwartet oder einkalkuliert. In Brüssel war man trotz der Spuren der Attentäter von Paris, die in die Hauptstadt der EU führten, kaum  auf solche Art Anschläge vorbereitet und auch danach gibt es nur ungenügende Sicherheitsvorkehrungen. Europa spielt mit dem Leben seiner Bürger. Und selbst, wenn die Bombe dann geplatzt ist, ist man unfähig oder Unwillens, die wahren Zusammenhänge zu benennen und entsprechend Konsequenzen zu ziehen. Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis sich etwas ändert?